Kritische Notizen zur ungarischen Sprache: Begrüßen und Vorstellen

Jó napot, lieber Leser.

Wenn ich mehr Zeit hätte, wäre ich vermutlich auch schon in der Lage, mich nicht mehr auf den Straßen Ungarns zu verlaufen und hoffnungslos verloren zu sein. Um zu diesem Punkt zu gelangen, fängt man allerdings am Besten ganz vorne an. Das ist (wenig überraschenderweise), wie man sich begrüßt und vorstellt. Das bringt einen zwar noch nicht zu einem Hotel seiner Wahl, aber wenigstens kann dich der Taxifahrer mit Namen ansprechen, während man ihm versucht zu erklären, dass dies die erste Lektion für Ungarisch-Lerner ist. Oder so.

Ungarisch Deutsch Anmerkungen
Jó reggelt (kívánok) (Ich wünsche) Guten Morgen  
Jó napot Guten Tag förmlich; Freunde begrüßt man eher mit ‚Szia‘
Jó estét Guten Abend  
Jó ejszakát Gute Nacht  
Szia! Hallo! / Tschüss! einzelner Adressat
Sziasztok Hallo! / Tschüss! mehrere Adressaten, „Hallo ihrs
Szervusz Hallo! / Tschüss! einzelner Adressat, entspricht mehr oder minder dem österreichischen „Servus“
Szervusztok Hallo! / Tschüss! mehrere Adressaten
Vizontlátásra Auf Wiedersehen  
 

Ist doch gar nicht so schwer, oder? Das „-tok“, wie man auf den ersten Blick sieht, bezeichnet (hier) eine Mehrzahl von Angesprochenen – doch dazu in einem späteren Kapitel mehr. Wikipedia enthält einen „kleinen“ Abschnitt mit dem Titel „Begrüßungen und Anredeformen“, der ziemlich gut die Komplexität (oder besser: die Vielfalt) des Sich-Anredens in Ungarn beschreibt:

Wer etwas lernen möchte, sollte weiterlesen!

Einige Begrüßungsformen sind noch Relikte aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie, z. B. die Form Kezét csókolom oder Csókolom (Küss [die Hand]). Während diese Begrüßung ursprünglich Respekt gegenüber (oft älteren) Damen ausdrückte, ist die Form csókolom vor allem bei Kindern verbreitet, die ihre erwachsenen Bekannten so begrüßen. Kezét csókolom ist wiederum die übliche Anrede von Männern gegenüber fremden Frauen, während erwachsene Frauen diesen Ausdruck praktisch nie verwenden. Die Begrüßung wird allerdings dann problematisch, wenn junge Mädchen heranwachsen und den Nachbarn immer noch mit Csókolom begrüßen – der diese Begrüßung mit der gleichen Formel erwidert.

Die offizielle Begrüßung Jó reggelt/napot/estét (kívánok) klingt oft distanziert, vor allem in der Vollform. Csókolom kann als Füllwort auch Abschätzung gegenüber (für dumm gehaltenen) Frauen ausdrücken, ähnlich wie das in solchen Situationen im österreichischen Deutsch verwendete an und für sich höfliche „Gnä’ Frau“: Olajat kell cserélni, csókolom (Sie müssen Öl wechseln, gnä’ Frau).

Jugendliche und Freunde begrüßen einander mit szia, szervusz oder heló (kann sowohl beim Treffen als auch beim Abschied gesagt werden). Csá, cső oder csáó verwendet man beim Abschiednehmen. Die offizielle Formel für den Abschied ist Viszontlátásra (Auf Wiedersehen) oder am Telefon/im Rundfunk Viszonthallásra (Auf Wiederhören). Sie werden auch oft in den Kurzformen viszlát, oder viszhall verwendet.

Alles klar? Was hier auf den ersten Blick sehr kompliziert klingt, ist eigentlich recht simpel. Eigentlich ist es sogar so, dass zwei der informellen Abschiedsformen -„cső“ und „csáó„- uns als Nicht-Ungarn sehr geläufig sind: „Tschö!“ und „Tschau!“ sind im Prinzip genau das.

Und was tut man, wenn man sich begrüßt hat? Richtig, man stellt sich vor, eine Basislektion die beim Lernen einer jeden Sprache ganz am Anfang kommt. Das sieht dann beispielsweise so aus:

– „Jó napot. Asak vagyok.“
– „Örvendek. Schröder Gerhardt.“

– „Guten Tag. Ich bin Asak.“
– „Angenehm. Gerhardt Schröder.“

– „Szia! Fekete István vagyok.“
– „Szia! Engem Asaknak hívnak.“

– „Hallo! Ich bin Fekete István.“
– „Hallo! Ich heiße Asak.
(eigentlich: „Mich nennt man Asak„)“

– „Hogy hívják önt?“
– „Einstein Albert vagyok.“

– „Wie heißen Sie?“
(eigentlich: „Wie rufen/nennen sie Sie?„)
– „Ich bin Albert Einstein.“

Prinzipiell simpel. Auffällig ist jedoch die Endung „-nak“, die plötzlich an den Asak angehängt wird. Die Endungen „-nak“ und „-nek“ bezeichnen den Akkusativ, der bei „hívnak“ und „hívják“ benötigt wird. „Fekete István“ würde dann quasi „Fekete Istvánnak hívnak“ sagen, der fiktive „Györgyi“ würde sich mit „Györgyinek hívnak“ vorstellen. Oha.

Von so gut wie allen „Endungen“ im Ungarischen, gibt es eine „dunkle“ und eine „helle“ Endung und je nach Vokalharmonie benutzt man entweder die eine oder die andere. Oder anders: Vokalharmonie bedeutet, dass die Endungen mit den Wörtern harmonisieren müssen, d.h. Wörter mit dunklen Selbstlauten bekommen dunkle Endungen und Wörter mit hellen Vokalen eben helle.

Dunkle Vokale sind: a, á, o, ó, u, ú
Helle Vokale sind: e, é, i, í, ö, ő, ü, ű.

Einfaches Lernen wird allerdings nicht sicher zum Erfolg führen; die Vokalharmonie steckt schließlich tief in jedem Ungarn von Geburt an drin. Dieses Thema wird aber vermutlich noch häufiger aufgegriffen werden, weshalb ich es vorerst bei diesen kurzen Worten dazu belassen möchte: „Im Zweifelsfall die Endung benutzen, die besser klingt“, beschreibt die Funktionsweise der Vokalharmonie ziemlich gut.

Doch dazu mehr im nächsten Teil dieser Serie.

Kommentare

  1. Ah, das erklärt warum meine Oma mir beibrachte, meine (ungarische) Großtante mit Kezét csókolom zu begrüßen


  2. genau. das ist naemlich sehr brav und hoeflich! und fuer jedes maedchen ein riesen schock wenn es im supermarkt von so nem rotzloeffel ploetzlich mit „csókolom, …..“ angesprochen wird.. :/ nur weil der keine nicht an die milch im regal rankommt.. grrrrrrrrrrrrrrrrr


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