"Nostalgisch und Linksextrem" von Report Mainz — ein Kommentar.

Trolle solle man nicht füttern, so heißt es — doch von Zeit zu Zeit muss man sich mit ihnen auseinandersetzen. Vor wenigen Tagen lief in der ARD bei Report Mainz ein Bericht zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mit dem ganz und gar unpopulistischen Titel „Nostalgisch und Linksextrem„; Inhalt: eine Auseinandersetzung mit den Kandidaten der Linken zur Wahl. Zuletzt (aber nicht ausschließlich) darauf hingewiesen wurde ich von einem meiner Lieblingsleser. Weil ich nun also wissen möchte, wie berechenbar ich wirklich bin, gibt’s jetzt meine persönliche Einschätzung des Berichtes hier, von Anfang bis Ende. Zunächst daher der Bericht:

Beginnend mit dem Vorwort muss man schon anmerken: Ist so nicht ganz richtig; zum Zeitpunkt der Produktion waren große Koalition und Rot-Rot-Grün die einzigen Optionen, mittlerweile hat es die „Ampel“ zumindest als theoretisches Konstrukt in die Debatten geschafft. Die Rhetorik und Methodik von Herrn Pinkwart sollen aber nicht Thema dieses Artikels sein.

Wer nur die Ultrakurzfassung des Beitrages lesen möchte, was ich nicht empfehle, der klicke hier.

„Freiheit muss nicht sein“: die Rote Hilfe.

„[…] Die Linken gelten nicht nur als chaotisch und zerstritten, sie haben auch sehr fragwürdige Ansichten, z.B. zur DDR.“ – erklärt uns die Moderatorin. Es folgt ein Clip, möglicherweise „Archivmaterial“ (siehe Kommentare!), in dem ein offenbar geistig verwirrter Mann das Lied der Partei intoniert. Nun ist es so, dass seit 20 Jahren weder die DDR noch das Parteilied in der Öffentlichkeit präsent sind, der Vers es aber schafft, schon in den ersten Sekunden ein beklemmendes Gefühl hervorzurufen: Die DDR ist zurück, ein Schrecken für jeden Demokraten! Mit dieser Einstimmung kann das Thema dann endlich beginnen, die Frage, wer eigentlich nun in den Landtag einzieht.

Zunächst tritt Frau Anna Conrads ins Bild, welche als Mitglied der Roten Hilfe vorgestellt wird. Für jene, denen das nichts sagt, wird auch die Rote Hilfe gleich charakterisiert: Sie wird von der Bundesregierung als „linksextremistisch und verfassungsfeindlich“ bezeichnet, sie „solidarisiere sich mit Terroristen“, „relativiere deren Gewalttaten“ und „halte unser Rechtssystem für ein Instrument der politischen Unterdrückung“. Starke Worte, gefolgt von der Einschätzung Konrads, die ihre Mitgliedschaft mit ihrem Demokratieverständnis „sehr gut vereinbaren“ kann. Der Reporter hakt nach: „Solidarität mit Terroristen ist ok, is‘ normal?“ – und ich frage mich, ob seriöse Berichterstattung wirklich so aussieht. Schnitt.

Beginnen wir vorne: Das Dokument, auf das sich der Bericht hier stützt, ist die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage (gestellt u.a. durch die Linke) zu einer Einschätzung des genannten Vereins. Genauer: Drucksache 17/1327 vom 06.04.2010, online als .pdf einsehbar. Die dortige Selbstdarstellung wirkt auf mich eigentlich unterstützenswert; dazu scheint der Verein durchaus kritisch auch mit seiner Selbst umzugehen, was man mit den gestellten Fragen sicherlich unterstellen darf. Wie also antwortete die Bundesregierung darauf?

Drucksache 17/1484: Hier hat der Autor des TV-Beitrages also die Zeile „das deutsche Rechtssystem […] als Instrument der „politischen Unterdrückung“ […]“ her. Was danach folgt ist in der Tat doch eher dünn. Nicht nur werden die meisten Fragen des Textes „sinngemäß“ zusammengefasst, neben viel anti-linkem Standard-Blafasel steckt erstaunlich wenig Substanz in dem Dokument. Zudem gibt es keinerlei Begründungen für die genannten Einschätzungen. Eine Antwort lautet indes: „Pauschale Aussagen zur Vereinbarkeit einer Mitgliedschaft in der RH und einer Tätigkeit im öffentlichen Dienst lassen sich insofern nicht treffen.“ Sagt die Bundesregierung. Was also soll ich nun glauben? Ich gehe wohl einfach davon aus, dass die Selbstdarstellung der Roten Hilfe zutreffend ist.

Die Rote Hilfe ist eine Solidaritätsorganisation, die politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum unterstützt. Sie konzentriert sich auf politisch Verfolgte aus der BRD, bezieht aber auch nach Kräften Verfolgte aus anderen Ländern ein. Unsere Unterstützung gilt allen, die als Linke wegen ihres politischen Handelns, z.B. wegen presserechtlicher Verantwortlichkeit für staatsverunglimpfende Schriften, wegen Teilnahme an spontanen Streiks, wegen Widerstand gegen polizeiliche Übergriffe oder wegen Unterstützung der Zusammenlegungsforderung für politische Gefangene ihren Arbeitsplatz verlieren, vor Gericht gestellt, verurteilt werden. Ebenso denen, die in einem anderen Staat verfolgt werden und denen hier politisches Asyl verweigert wird.

„Halt!“, mag man schreien, „die unterstützen doch die RAF! Sagt die Wikipedia!“ – stimmt. Es mag befremdlich wirken, aber einem jeden Rechtsbeistand zu gewährleisten ist eines der fundamentalen Rechte unseres Landes. Ob das einem nun gefällt oder nicht und auch wenn die BILD von Zeit zu Zeit andere Signale setzt. Ich stelle also fest: Die Darstellung zur Roten Hilfe ist im Bericht unvollständig und verzerrt, das genannte Dokument selbst ist mitunter sehr weich formuliert und erstaunlich unsachlich.

Trackbacks & Pings

  1. Report Mainz: “Nostalgisch und Linksextrem” — ein Kommentar « Nils Exner bloggt am 12 Mai 2010 um 21:40

    […] hier gehts zum Kommentar 49.249911 7.056505 […]

  2. Andreas Heisig » Report Mainz vom 10.05.2010 am 15 Mai 2010 um 15:21

    […] Weitere Informationen: http://think-strange.de/blog/weltsicht/2010/05/12/nostalgisch-und-linksextrem-von-report-mainz-%E2%8… […]

  3. ein Blick auf die Koalitionsverhandlungen in NRW 2010. : think-strange.de am 21 Mai 2010 um 14:43

    […] der Verfassungsschutz für extremistisch hält”, eine im Übrigen sehr nette Beschreibung: Hatten wir das nicht erst? Es bliebe, neben der Tatsache, dass die “relativierenden” Äußerungen nur sehr […]

Kommentare

  1. So ähnlich sehe ich die Sache auch. Gute Kritik. Hier wurde einfach versucht, Munition zu sammeln gegen Die Linke NRW, mit allen Mitteln, journalistisch unsauber, unausgewogen und nicht frei von Hetze. Diesem „Bericht“ ist deutlich anzusehen, dass ein Ziel vorher erreicht werden wollten und zu diesem Zweck Interviewschnipsel zusammenmontiert wurden.

    Speziell die gebetsmühlenartige Wiederholung der Einstufung der Roten Hilfe als verfassungsfeindlich in manchen Medien geht mir sehr auf den…. Im Gegenteil, die Rote Hilfe ist ein dringend gebrauchter Verein als Gegengewicht zu einer nach wie vor nicht fairen deutschen Justiz.

    Überflüssig zu erwähnen, dass Franziska Drohsel, noch Juso-Chefin, diesem Verein ebenfalls angehörte sowie Frau Angela Merkel der SED und FDJ in herausragender Funktion. Also sind CDU und SPD DDR nostalgisch und linksextrem? so what.


  2. Sehr gute Rede von Frau Dr. Jochimsen. Und ganz schlechter Beitrag von Report Mainz. Da haben sie wohl die Nr. 4 und 5 ihrer eigenen Programmgrundsätze nicht eingehalten:

    „4) die Pflicht, das gesellschaftliche Meinungsspektrum möglichst umfassend und fair widerzuspiegeln, 5) die Verpflichtung zu wahrheitsgetreuer und sachlicher Berichterstattung sowie zur sauberen Trennung von Nachrichten und Kommentaren.“

    Von fair und sachlich konnte in dem Beitrag überhaupt keine Rede sein.


  3. Ideologie mal außen vor.

    Wenn Ihr so halbdebile Weiber wie die da im Bericht zu Euren Anführer macht, frag ich mich, wie sehr Ihr einen an der Klatsche haben müßt!


  4. „Es folgt ein Clip, möglicherweise Archivmaterial, in dem ein offenbar geistig verwirrter Mann das Lied der Partei intoniert.“

    Hier wird aufgeklärt, wer dieser Mann ist:
    http://www.jungewelt.de/2010/05-15/052.php


  5. Noch so ein sachlicher Artikel aus „Welt online“.
    http://www.welt.de/politik/article7644901/Lafontaines-Abschied-vom-Klub-der-Linkshaber.html
    „Zur Begrüßung der Delegierten schmettert der Shanty-Chor Rostock, der seine Utensilien vorher aus einem alten DDR-Bus geladen hat, schunkelgerechte Seemannslieder.“ – Das mit dem alten DDR-Bus ist natürlich erwähnenswert. Soll sich ja auch nach alter DDR anhören. Allerdings sind noch vorhandene Trabbi-Fahrer Nostalgiker. Denen würde niemand was Böses unterstellen, wenn die noch mit ihren Plaste-Bombern rumfahren.
    Und weiter:
    „Schon optisch zeigt sich bei diesem Parteitag, welches Sammelsurium ideologischer und habitueller Varianten des Linksseins diese neue Einheitspartei unter einen Hut bringen muss. Das Spektrum reicht von ergrauten Bewegungsveteranen, denen man die Verhärmung angesichts jahrzehntelanger vergeblicher Versuche radikaler Systemveränderung ansieht, über stramme Gewerkschaftsfunktionäre und rastagelockte Antiglobalisierungsaktivisten bis zu vereinzelten Vertretern jener aufgeklärt urbanen neuen Generation der „Ultrapragmatiker“…….“
    Welch Glück, das unsere derzeitigen Regierungsvertreter alle noch so jugendlich sind, keiner graue Haare hat oder sonstwie ziemlich normal aussieht. Aber wenn ich da an Joschka Fischer mit seinen Turnschuhen denke oder an das Aussehen der ersten Grünen , dann kann doch aus den Linken noch was werden. Ganz zu schweigen von der Beschreibung, wer sich bei den Grünen beim Start der Partei so getummelt hat (lt. einer Beschreibung im Beitrag „60xdeutschland – http://www.60xdeutschland.de/die-grunen-werden-eine-partei/ )


  6. @wilko0070: Ui, wunderbare Info, vielen Dank. Gleiches an @Virgen48. Ist doch immer schön zu sehen, wie fair die Berichterstattung in Deutschland so ist. :)


  7. Ohja, und @mcschreck: „Wenn dir sonst nichts besseres mehr einfällt, dann is das gut.“ :)


  8. Ohne Worte:
    http://www.jungewelt.de/2010/05-15/052.php


  9. Okay, Kommentar 10 und 11 (dieser hier) können entfernt werden. Ich habe erst nachträglich gesehen, dass derselbe Link bereits von einem Vorredner gepostet wurde…


  10. Och, Unsinn, da kann man nicht genug drauf rumreiten, lieber Stupor. :)


  11. Sehr traurig wie in diesem Bericht versucht wurde die LInke nieder zu machen, dass spricht sehr für ein neutrales Fernsehen.


Kommentiere!