Linguistik mit Neofaschisten: Präsuppositionen

»Es ist schon auffällig, dass die meisten fremdenfeindlichen Kommentare haarsträubende Rechtschreibfehler enthalten, oder?«, fragte sich letzte Woche Sabrina Hoffmann, die Verantwortliche für Social Media von der Huffington Post Deutschland, in dem Artikel ›Die neuen Asozialen: Eure Dummheit bringt Deutschland an den Abgrund‹. Während es zwar kurzweilig ist, sich über die zum Teil grotesken Schreibschwächen mancher Neofaschisten zu amüsieren, findet sich so mancher Beitrag, mit dem sich linguistische Themen der Allgemeinheit vermitteln lassen. So berichtet ›Die Rechte Dortmund‹ über vermeintliche Steuerverschwendung:

[…] In Dortmund-Dorstfeld entfernen Mitarbeiter der Stadt täglich „rechte“ Aufkleber im öffentlichen Raum. Unpolitische oder gar linke Propaganda (die in dem Viertel erfreulicherweise aber nicht zu finden ist) bleibt unberücksichtigt, […]

Hm. Wie genau sollte man »linke Propaganda« berücksichtigen, wenn diese nicht vorhanden ist? Viele Menschen würden hier mit nicht vorhandener Logik argumentieren, so auch die Sprachwissenschaft – mit einem Umweg. Was hier zu sehen ist, fällt zunächst in den Bereich der Präsuppositionen. Präsuppositionen, das sind Voraussetzungen, die dabei helfen, den logischen Wahrheitswert von Äußerungen oder Sätzen zu bestimmen oder ihn überhaupt bestimmen zu können. Sie sind stets implizit, will heißen: Sie müssen, oft über den Weg der Semantik, erschlossen werden.

Ein einfaches Beispiel: »Schön, dich wieder zu sehen!« – Mit der Verwendung des Wortes »wieder« wird präsupponiert, dass der Sprecher die angesprochene Person bereits zu einem früheren Zeitpunkt gesehen hat. Würde man bei einem ersten Treffen, dem ersten Händeschütteln, diese Worte wählen? Nein, denn die Präsupposition ist unerfüllt, man sieht sich schließlich zum ersten Mal.

Vielleicht zu simpel. Werden wir ein wenig komplexer, um die Sache mit den Wahrheitswerten zu erörtern: »Der Eiffelturm steht in Paris« ist in diesem Sinne ein wahrer Satz. Die Präsuppositionen – Es gibt einen Eiffelturm, es gibt eine Stadt mit dem Namen Paris – sind erfüllt und jener Eiffelturm steht tatsächlich in Paris. Es ist aber zu beachten, dass Präsuppositionen nicht allein den Wahrheitswert eines Satzes oder eine Äußerung bestimmen: »Der Eiffelturm steht in Moskau« ist in diesem Sinne falsch, obwohl die Präsuppositionen erfüllt sind.

Übertragen lässt sich dies auf den obigen Text: »Unpolitische oder gar linke Propaganda bleibt unberücksichtigt« präsupponiert, auf einer niedrigen Ebene, dass solche überhaupt vorhanden ist. Ignorierte man die Äußerung in Klammern, so zeichnet sich für Außenstehende jenes Bild: In Dortmund gibt es Aukleber aus dem linken und dem rechten Spektrum der Politik, entfernt werden jedoch nur, selektiv, die Aufkleber der Neofaschisten. Gezeigt würde also eine Ungleichbehandlung.

Was aber geschieht stattdessen? Mit dem eingeklammerten Nebensatz »die […] aber nicht zu finden ist«, wird die implizite Präsupposition explizit aufgehoben, negiert, wenn man so möchte. Was also tun? Welcher Wahrheitswert lässt sich Sätzen zuordnen, wenn die zugehörigen Präsuppositionen nicht erfüllt sind?

Hierauf gibt es keine eindeutige Antwort, zweierlei Sichtweisen werden vertreten. Einerseits ist es möglich, der Argumentation Bertrand Russells zu folgen, nach der auch Sätzen und Äußerungen, deren Präsuppositionen nicht erfüllt sind, stets ein Wahrheitswert zugeordnet werden kann. Im Gegensatz dazu steht die differenzierte Auffassung von Peter Strawson, nach der zwar manchen Sätzen mit unerfüllten Präsuppositionen ein Wahrheitswert zugeordnet werden kann, aber eben nicht allen, nicht grundsätzlich. Was im konkreten Beispiel hieße: Der Satz verunglückt, auf einer logischen Ebene ist der Äußerung kein Wahrheitswert zuzuweisen.

Es scheint vertretbar, sich dieser Sicht anzuschließen: Die Neofaschisten schreiben Unfug. Man braucht keine Linguistik, um das zu erkennen. Sie macht’s nur lustiger.

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